Leseprobe 2 – Der Start in San Francisco

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An der Market Street, zwischen der 11. und 12. Straße, fanden wir ein preiswertes Hotel. Das Rosenount Hotel hatte schon bessere Tage gesehen und das Gleiche konnte man über den Manager sagen. Er war von schottischer Abstammung und mit seinen dreiundsiebzig Jahren der absolute Boss im Haus. Sein korrekter dunkelblauer Anzug mit weißem Hemd und blauer Krawatte stand in direktem Kontrast zu den blassen, verschmutzten Wänden des Hotels. Das Zimmer selbst war klein und enthielt ein Doppelbett, zwei Stühle, einen kleinen Tisch und einen Wandschrank. Dieser Luxus kostete sechzig Dollar die Woche, bezahlt wurde im Voraus. Jetzt hatten wir nur noch neunzig Dollar und mussten schnell Arbeit finden. In der San-Francisco-Zeitung „Chronicle“ waren keine Bäckerstellen zu finden und auch keine für Sekretärinnen, aber wir trösteten uns und hofften auf den nächsten Tag. Mr. Mac Crawl, der Manager, empfahl mir, selbst eine Anzeige in die Zeitung zu setzen. Danach hatten wir nur noch ganze fünfzig Dollar und vertrauten auf unser Glück. Es wurde ernst. Am Montag war die nächste Miete fällig.

Ich hoffte, dass Mr. Mac Crawl Einsicht haben und uns eine Woche Zeit lassen würde mit der Miete. Die Tatsache, dass auch er ein Immigrant war und unsere Situation verstand, war entscheidend. Normale Verpflegung konnten wir uns nicht mehr leisten und beschränkten uns auf das absolut Notwendige. Es zählte jeder Cent. Mit Mehl, Salz und Wasser machten wir kleine Pfannkuchen, die wir auf einer elektrischen Herdplatte backten. Mr. Mac Crawl hatte sie uns geliehen. Die Pfannkuchen waren zäh wie Gummi und geschmacklos.
Der Manager erzählte uns von einem Restaurant an der Polk Street mit dem Namen Ratskeller, ein Treffpunkt für Deutsche. Die Gaststätte bestand aus einem großen Raum im bayrischen Stil, es roch nach Sauerbraten und Rotkohl. An der langen Theke waren Hocker aufgereiht, auf denen einige Deutsch sprechende Gäste saßen. Hier trafen wir Hans und Wolfgang. Sie waren in unserem Alter und hatten die gleichen Enttäuschungen erlebt wie wir. Auch sie suchten einen Job. Sie hatten keine Unterkunft und auch kein Auto. Trotzdem hatten sie eine positive Ausstrahlung. Diese Einstellung steckte uns an. Wir fühlten uns nicht mehr so bedrückt. Alle in einem Boot – zusammen waren wir stärker.

Hans hatte gehört, dass man in Lodi Obstpflücker suchte. Es war Pfirsich-Saison und man brauchte dringend Arbeiter. Die Arbeit war schwer und der Lohn gering. Lodi war achtzig Meilen östlich von San Francisco. Mir war sofort klar, dass wir am nächsten Tag in meinem Wagen zusammen nach Lodi fahren würden. Rita konnte im Hotel bleiben und nach Stellenanzeigen schauen. Ich würde jeden Abend von Lodi anrufen. Meine eigene Annonce lief bis zur Sonntagsausgabe. Mr. Mac Crawl hatte mir erlaubt, die Telefonnummer seines Büros anzugeben. Vielleicht würde sich jemand melden. In der Zwischenzeit konnte ich etwas verdienen, das würde uns helfen. Hans und Wolfgang schliefen auf dem Boden unseres Zimmers und am Morgen verabschiedeten wir uns von Rita.

Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden und es war neun Uhr, als wir in Lodi ankamen, eine Kleinstadt mit ungefähr 60.000 Einwohnern. Schon um diese Zeit lag eine stechende Hitze in der Luft. Wir erfuhren, dass Steels Ranch Arbeitskräfte suchte. Diese Ranch lag etwa fünf Meilen außerhalb der Stadt. Auf dem Weg dorthin sahen wir Reihen neben Reihen von Obstbäumen, alle im gleichen Abstand, soweit man sehen konnte. Die Ranch selbst machte keinen tollen Eindruck, eine Bretterbude, alt und vermodert, umgeben von Staub. Die Unterkunftsbaracke war auch nicht viel besser, sie erinnerte mich an meine Zeit in Frankfurt. Bett über Bett, dicht nebeneinander wie bei Soldaten, getrennt jeweils durch einen kleinen Schrank. Der Vorarbeiter empfing uns im Büro. Er machte den Eindruck eines abgenutzten alten Cowboys und war kein Mann von vielen Worten. Ohne Zeitverschwendung vermittelte er uns die Aufgaben. Ein LKW würde uns ins Feld fahren, dort bekämen wir einen Pflückkorb, für jeden gefüllten Korb mit Obst gab es fünfzig Cent. Natürlich hatten wir keine Einwände, sondern waren froh, überhaupt Arbeit zu haben.

Unsere Kollegen sprachen fast nur Spanisch. Es waren Mexikaner, legale und illegale Immigranten. Sie schlichen sich während der Erntezeit über den Rio Grande, um etwas Geld für ihre Familien zu verdienen. Hier störte es niemanden, dass sie illegal waren, sie waren dringend gebrauchte Arbeitskräfte, und dazu noch billig. Ohne diese Latinos konnte die Landwirtschaft in den USA gar nicht existieren. Sie waren froh, als sie erfuhren, dass wir Deutsche waren und keine Amerikaner. Sie taten ihr Bestes, uns einige Tipps für die Arbeit zu geben. Für die weißen Amerikaner, die Gringos, schienen sie keine großen Sympathien zu haben.

Im Schatten der Obstbäume aßen wir unseren Lunch. Ein LKW brachte große Kannen mit gekochten schwarzen Bohnen. Dazu gab es Maiskolben und Weißbrot. Zu trinken gab es Kaffee und Wasser, keine große Auswahl, aber wir waren damit zufrieden. Alle aßen mit Appetit. Um neunzehn Uhr wurden wir zurück in die Unterkunft gebracht. Am Ende der Baracke waren einige Duschen. Nachdem wir uns gesäubert hatten, gab es Abendessen, das Gleiche wie zu Mittag, zusätzlich bekamen wir Milch. Hans, Manfred und ich waren der Meinung, noch nie so hart gearbeitet zu haben, jeder Muskel, jeder Knochen tat uns weh. Trotz der schlechten Betten schliefen wir so gut wie selten zuvor. Am dritten Tag lief es bereits viel besser. Das Abpflücken ging uns schon leichter von der Hand.

Aber ich hatte nicht mehr die Gelegenheit, meine Widerstandskraft mit den Latinos zu messen. Mit Rita hatte ich verabredet, dass ich jeden Abend anru-fen würde. Der Boss gab mir die Erlaubnis, das Telefon im Büro zu nutzen, aber mit der Warnung, dass er die Gebühr von meinem Lohn abziehen würde. So erfuhr ich, dass eine Bäckerei in Berkeley auf meine Annonce reagiert hatte und mit mir sprechen wollte. Hans und Manfred waren sehr enttäuscht, dass ich wieder nach San Francisco fahren musste, aber wir versprachen, in Verbindung zu bleiben. Dem Rancher war meine Kündigung egal. Ich sei nicht der Erste, der so schnell aufgebe, sagte er und gab mir für die drei Tage Arbeit fünfundzwanzig Dollar. Ohne das Geld hätte ich nicht zurückfahren können, denn mein Tank war leer.

Rita war froh und erleichtert, als ich um vier Uhr morgens in San Francisco ankam. Um acht war mein Gespräch in Berkeley. Der Chef, Mr. Hauser, war um die sechzig Jahre alt. Sein Akzent war mir sofort sympathisch, er war ein Einwanderer aus Österreich. Zwei Wochen gebe er mir als Probezeit, sagte er. Ich könnte sofort am nächsten Tag anfangen. Die Bäckerei war spezialisiert auf schwedische Backwaren und trug den Namen „Swedish Bakery“. Ich fand es interessant, dass ein Österreicher der Besitzer einer schwedischen Bäckerei war.

Am nächsten Morgen um drei fuhr ich über die Oakland Bay Bridge nach Berkeley. Der Ausblick von der Brücke auf die Lichter der Wolkenkratzer von San Francisco und Oakland war überwältigend. Hier war ich, tausende Kilometer entfernt von Deutschland, auf der Brücke zwischen San Francisco und Oakland. Ich fühlte mich stark und kraftvoll. Die frühe Arbeitszeit störte mich nicht, ich hatte sogar das Gefühl, einen kleinen Vorsprung zu haben gegenüber den Menschen, deren Arbeit erst später anfing. Außerdem war es gut, schon um vierzehn Uhr Feierabend zu haben, ich hatte dann noch etwas vom Tag.

Das Arbeitsklima und meine Kollegen waren sehr freundlich und kollegial. Besonders meinem Chef schien es zu gefallen, dass er Deutsch mit mir spre-chen konnte. So nebenbei erwähnte er, dass er eine Tochter habe. Am Ende des ersten Arbeitstages bat ich ihn um einen Vorschuss, ohne zu zögern gab er mir zehn Dollar. Für mich war es ein Beweis, dass er mit mir zufrieden war. Noch am selben Nachmittag gingen Rita und ich zum Delikatessenladen und kauften eine Stange italienisches Weißbrot, Salami und eine Flasche Rotwein. In unserem kleinen Hotelzimmer feierten wir meinen Job. Vorbei war die Zeit der Mehlpampe.

Auch Mr. Mac Crawl war erleichtert, als ich ihm von meinem Job berichtete. Sein Vertrauen in uns wurde bestätigt. Ein paar Tage später fand Rita Arbeit bei einer Telefonfirma. Zusammen hatten wir einen guten Verdienst. Trotzdem wohnten wir weiter in dem billigen Hotel. Wir wollten sparen, um nie wieder in eine prekäre Situation zu kommen. Wir hatten unsere Lektion gelernt.

San Francisco und die Umgebung gefielen uns sehr. Wann immer wir die Gelegenheit hatten, meistens an den Wochenenden, fuhren wir zum Pazifik nach Stinson Beach, um zu baden, oder ins Napa Valley. Dort besuchten wir die verschiedenen Winzer, um deren Wein zu verkosten. An langen Wochenenden fuhren wir nach Lake Tahoe. An der Nevada-Seite von Lake Tahoe standen riesige, grandiose Kasinos. Diese Spielgeschäfte waren nicht nur lukrativ für die Besitzer, sondern bescherten dem Staat Nevada hohe Steuereinnahmen, denn zu dieser Zeit waren Kasinos in Kalifornien noch nicht erlaubt. Einmal fuhren wir nach Lodi, um Hans und Manfred zu besuchen, aber zu unserer Überraschung waren sie nicht mehr dort. Ich war sehr enttäuscht und hatte das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben.

Ich war einundzwanzig Jahre alt. Rita und ich lebten nun fast ein Jahr in San Francisco. Wir hatten gute Jobs und waren glücklich. Aber da war diese Ungewissheit: meine Militärpflicht. Sie hing über uns wie eine dunkle Wolke. Ich erwartete, bald in die Armee eingezogen zu werden. Gerne hätte ich diese Zeit schon hinter mir gehabt, um eine deutlichere Perspektive für unsere Zukunft zu haben. Rita und ich träumten von unserer eigenen Konditorei, aber solange ich nicht die Armeepflicht erledigt hatte, konnten wir nichts unternehmen. Die Adresse von Tante Agnes in Philadelphia war meine offizielle Anschrift für die eventuelle Einberufung.

 

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