Leseprobe 1 – Der Ausreißer

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Der schrille Klang des Weckers riss mich aus einem tiefen Schlaf. Montagmorgen, fünf Uhr. Ich hasste Montage. Denn in Koblenz wartete meine Lehrstelle als Bäcker auf mich. Fünf Kilometer lagen zwischen dem Dorf meiner Kindheit, Arzheim, und der Hölle. In Koblenz würde ich die ganze Woche verbringen. Zehn bis zwölf Stunden Drecksarbeit am Tag, dafür bekam ich „Kost und Logis“, eine Mark pro Woche und reichlich Prügel. Hunger war der Hauptgrund, warum ich diesen Beruf gewählt hatte. Obwohl der Krieg schon seit acht Jahren vorbei war, mangelte es immer noch an Nahrung. Mit meinen vierzehn Jahren wog ich gerade mal siebenundvierzig Kilo.

Schon war ich mit dem Rad den Berg hinunter und kam in Ehrenbreitstein an. Vor mir lagen der Rhein und links die Pfaffendorfer Brücke, die zu meiner Arbeitsstelle führte. Auf der rechten Seite des Rheins ging es nach Bonn, Köln, hinaus in die weite Welt, die Freiheit.

Es war zwanzig nach fünf, um sechs musste ich beim Bäcker sein. Da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, begeisterte mich, gab mir Mut, war meine Erlösung. Ich hatte mein Vaterland-Fahrrad und konnte fahren, wohin immer ich wollte. Vielleicht sogar nach Bremerhaven. Dort würde ich mich auf ein Schiff schleichen und als blinder Passagier nach Amerika fahren, wie es meine Helden in den Abenteuerbüchern taten. Heute könnte endlich mein eigenes Abenteuer beginnen. Und schon wäre ich ein Held. Ich bog nach rechts ab.

Mit dem kühlen Morgenwind im Rücken begleitete ich den Rhein. Der Fluss war ein Teil von mir. In den vierzehn Jahren meines Lebens hatte ich ihn oft gesehen, seinen Geruch in der Nase und mehr als genug von seinem Wasser geschluckt, wenn ich mal wieder von Ehrenbreitstein zum Deutschen Eck geschwommen war. In meinen Adern floss Rheinwasser.

Es war bereits Nachmittag, als ich in Bonn ankam. Ich hatte Hunger und Durst. Dass ich mich mit Essen und Trinken versorgen musste auf meinem Weg, diese Kleinigkeit hatte ich total vergessen. Ganze vierzig Pfennig hatte ich in meiner Hosentasche, das reichte für eine Cola. Was tun? Ich konnte mich noch gut an die Zeit direkt nach dem Krieg erinnern, als mein Vater und ich hamstern gegangen waren bei den heimischen Bauernhöfen und die Brotkrusten einsammelten, welche die Bauern für uns aufbewahrten, weil sie diese nicht kauen konnten. Betteln kannte und konnte ich. Nur drei Haustüren weiter kassierte ich ein doppeltes Brot mit Margarine von einer älteren Frau, die mich an meine Oma erinnerte.

Gesättigt und mit frischen Kräften strampelte ich weiter. Mein nächstes Ziel war Köln, dann Münster, Osnabrück, Quakenbrück. Diese Strecke war ich schon einige Male mit dem Zug gefahren, wenn es in den Sommerferien zu meinen Tanten Mia und Emma ging. Sie waren eine gute Anlaufstelle, denn bei ihnen in Quakenbrück wollte ich übernachten, mich satt essen und am nächsten Morgen weiter Richtung Bremerhaven radeln. Ich war überzeugt von meinem Plan. Bald würde ich in Amerika landen.

Die Dunkelheit kam früher, als es mir lieb war. Das Radfahren wurde jetzt gefährlich. Köln war noch in weiter Ferne, also entschloss ich mich, die Nacht auf der Rheinwiese zu verbringen. Die Kälte und den harten Boden nahm ich kaum zur Kenntnis. Meine Jacke diente als Kopfkissen. Ich fühlte mich so frei, das erste Mal in meinem Leben. Trotzdem dachte ich an meine Eltern und den Lehrmeister. Würden sie mich vermissen? Bekäme ich Prügel, wenn meine Flucht nicht erfolgreich sein würde? Oder noch schlimmer: Musste ich zurück zur Lehrstelle bei dem verhassten Bäcker? Nein, ich würde nie wieder dorthin zurückgehen, da war ich mir sicher. Amerika war mein Ziel und ich würde es schaffen, genauso wie meine Bücher-Helden.

Das Tuckern eines vorbeifahrenden Schiffes riss mich aus einem tiefen Schlaf. Die Sonne zeigte sich auf der anderen Seite des Flusses. Mein lieber Rhein! Bevor ich meine Reise fortsetzte, wollte ich ihn noch einmal so richtig erleben. Ich ging zum Ufer und wusch mich. Das kühle Wasser fühlte sich gut an auf meiner Haut, es erfrischte mich und gab mir Kraft. Also auf nach Köln. Dort würde ich den Rhein verlassen und mich Richtung Münster halten.

Kaum hatte ich nach ein paar Betteleinheiten Brot und Wasser gefrühstückt, machte ich gute Fortschritte auf der Strecke. Köln war für mich schon immer eine tolle Stadt gewesen, mit dem Dom und der Altstadt, und dann war da auch noch der 1. FC Köln mit dem Nationalspieler Hans Schäfer. Ich sah in der Stadt den großen Bruder von Koblenz. Aber jetzt war ich auf einer Mission und hatte Eile. Es würde keine Zeit sein, durch die Straßen zu bummeln.

Am Abend landete ich in der Nähe der Domstadt und verbrachte die Nacht in einem Schrebergarten. Zu meiner Freude gab es hier eine Bank und freigiebige Apfelbäume. Es war meine Lieblingssorte: Augustäpfel. Sie waren saftig und hatten einen etwas säuerlichen Geschmack. Am folgenden Morgen unternahm ich wieder erfolgreich meine Betteltour und radelte anschließend an Köln vorbei Richtung Münster. Über den Autoverkehr machte ich mir keine Gedanken, denn ich war Profi mit dem Rad. Als Bäckerlehrling war es eine meiner täglichen Aufgaben, mit dem Fahrrad Brot und Brötchen an die Kunden zu liefern. Im Stadtverkehr von Koblenz war das nicht einfach. Mittlerweile hatte ich ziemlich viel Übung.

Am dritten Abend erreichte ich den Rand von Remscheid. Von der Stadt hatte ich noch nie gehört. Mitten in einer idyllischen Landschaft stand ein Bauernhof. Als die Bäuerin mir die Tür öffnete, fühlte ich sofort ihre Wärme. Ihr gutmütiges Lächeln gab mir Mut und Sicherheit. Ich wusste sofort: Sie ist Mutter. Eine lange Kittelschürze mit einigen Flecken verhüllte ihren etwas beleibten Körper. Sie war mittleren Alters und hatte ihre grauen Haare zu einem dicken Knoten geflochten. Ich sagte, dass ich auf dem Weg sei, meine Tanten in Quakenbrück zu besuchen, und fragte, ob es möglich sei, in der Scheune zu übernachten, und ob ich etwas Essen haben könnte. Sie schaute mich etwas irritiert an und musterte mich von oben bis unten, als ob sie sagen wollte: „Was will denn dieser kleine Kerl in der großen weiten Welt?“ Zu meiner Überraschung lud sie mich aber dann zum Abendessen mit ihrer Familie und den Hofarbeitern ein.

Ich saß an einer langen Tafel, zusammen mit zwölf fröhlichen, hungrigen Seelen, wie eine große Familie. Sie gaben mir das Gefühl, als ob sie mich schon ewig kennen würden und ich dazugehörte. Wir genossen Kartoffelsalat mit hausgemachter Blut- und Leberwurst. Diese kleinen Ringwürste hatte ich bis jetzt nur in Schaufenstern von Metzgerläden gesehen. In der Koblenzer Gegend nannte man sie Heinzelmännchen, ich vermute, weil sie so klein waren. Ich konnte es kaum glauben. Noch nie in meinem ganzen Leben schmeckte mir ein Essen so gut. Die nächste Überraschung war, dass sie mir das Zimmer ihres Sohnes anbot. Sie erklärte mir, dass er in einer anderen Stadt lebe, dort zur Schule gehe und nur am Wochenende nach Hause komme. Dann gab sie mir ein Handtuch und Seife und zeigte mir, wo der Waschraum war.

Ich war total erschöpft, als ich im Bett lag, doch mein Kopf war wie ein Karussell. Ich dachte an meine Eltern, an die Kollegen und an meinen Chef. Vermissten sie mich? Ich war in Remscheid, allein auf weiter Flur.

Es hätte auch ganz anders werden können. Keine Bäckerei, kein prügelnder Chef. Denn als meine Berufswahl anstand, wollten meine Eltern nicht, dass ich zum Bäcker ausgebildet werde und außer Hause lebe. Sie beschlossen, ich sollte Autosattler erlernen. Es war eine der wenigen Lehrstellen im Handwerksbereich, die zur Verfügung standen. Ich wusste gar nicht, was ein Autosattler machte. Post- oder Bahnbeamter wäre ihnen am liebsten gewesen, aber diese Berufe waren reserviert für Kinder, deren Väter im Krieg gefallen waren, und außerdem war mein Abgangszeugnis nicht gut genug. Wenn schon nicht Beamter, dann wenigstens ein guter Handwerksberuf, lautete ihr Credo.

Die Autosattlerfirma befand sich in Koblenz in der Nähe der Friedrich-Ebert-Straße und bestand aus einem Meister sowie zwei Gesellen. Der Besitzer, Mr. Coney, ein großer, imposanter Mann mit einer fetten Zigarre im Mund, erklärte meinen Eltern und mir die Bedingungen: zwei Wochen Probezeit und sechs Mark die Woche. Ich könne sofort anfangen.

Schon mein erster Tag war ein Desaster. Die große Wanduhr ging einige Minuten nach und ich bekam den Auftrag, die Zeiger richtig zu stellen. Ich stand auf einem Stuhl, als ich versuchte, die Zeit zu korrigieren, verlor meine Balance und die Uhr plumpste zu Boden. „Über zehn Jahre hängt sie an der Wand“, schimpfte Meister Strack, „und du berührst sie nur einmal, und schon ist sie kaputt!“

Stifte nannte man uns abschätzig statt Lehrjungen, und so wurde ich auch behandelt. Disziplin und Gehorsam sollte ich haben, und so nebenbei diente ich auch als Blitzableiter, wenn in der Firma irgendetwas schiefging. Nur ein paar Tage später passierte schon das nächste Missgeschick. Ich wurde in den Keller geschickt, um Klebestoff zu holen. Das Licht funktionierte nicht, darum formte ich eine Fackel aus einer alten Zeitung, strich ein Streichholz an und zündete die Fackel an. Ich brauchte freie Hände, deshalb legte ich die Fackel auf den Boden, nicht wissend, dass eine Spur von getrocknetem Klebematerial zu einem vollen Fass mit flüssigem Klebestoff führte. In dem Moment, als die trockene Spur Feuer fing, kam einer der Gesellen in den Keller und zusammen löschten wir das Feuer, bevor es seinen Weg zum Fass fand. Es waren noch viele andere Fässer mit Farbe und Klebstoff im Keller, auch ein großes Fass mit Benzin, halt alles, was man in einer Autosattlerei brauchte. Dank des Gesellen hatte ich Glück im Unglück, sonst wäre das Gebäude samt allen Personen in die Luft geflogen. Natürlich war der Vorfall Thema Nr. 1.

Am letzten Tag meiner Probezeit wurde ich beauftragt, die Fensterscheiben der Werkstatt zu putzen. Mit dem Sattler-Beruf hatte das nichts zu tun und als Vierzehnjähriger hatte ich keine Erfahrung mit dem Reinigen von Fenstern. Als Meister Strack, ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, meine Arbeit untersuchte und eine nasse Staubschicht auf der Scheibe entdeckte, rieb er mit seiner Handfläche über das schmutzige Glas, dann nahm er meinen Kopf zwischen seine Hände und verteilte den Schmutz auf meinem Gesicht. Ich hatte genug, riss mich los und lief zur Tür. Dort drehte ich mich um und brüllte: „Du verdammtes Arschloch!“ Dann rannte ich, so schnell ich konnte.

Ich hatte große Angst und erzählte meinen Eltern von dem Ereignis und von Meister Strack. Und von meiner Absicht, nie wieder dorthin zurückzugehen. Am folgenden Tag erstattete mein Vater der Firma einen Besuch, um Meister Strack daran zu erinnern, dass die Nazi-Zeit vorbei wäre und dass man Menschen und besonders Kinder nicht so erniedrigen und schikanieren könne. Ich glaube nicht, dass Meister Strack sich das damals zu Herzen genommen hat.

Jedenfalls hatten meine Eltern nach diesem Vorfall keine Einwände mehr gegen eine Bäckerlehre. Für mich waren „Kost und Logis“ maßgebend. Es bedeutete, genügend Essen zu haben und weg zu sein aus Arzheim. Damals gab es keine große Auswahl für einen Beruf mit Kost und Logis, nur Bäcker und Metzger, und Metzger wollte ich auf keinen Fall werden. So landete ich in Koblenz bei der Bäckerei Hirschfeld.

 

Als es hell wurde, hatte ich immer noch nicht geschlafen. Trotzdem war ich voller Drang, meine Reise fortzusetzen. Am Morgen, wieder am großen Tisch, gab es Rührei, Wurst, Käse, Brot und Kaffee. Für die Bäuerin war es selbstverständlich, dass auch ich am Frühstück teilnahm. Als ich mich bedankte und verabschiedete, drückte sie mir zwei Wurstbrote in die Hand. Ich hatte noch nicht erlebt, dass fremde Menschen so lieb sein konnten, und weinte.

Die Strecke durchs Münsterland war angenehm flach und verlief ohne Hindernisse. Mir gefiel diese ländliche, malerische Gegend, die weitläufigen, üppigen Felder und die roten Dächer der Bauernhöfe. Betteln konnte ich jetzt ohne jegliche Hemmungen. Und dann waren da noch die Milchkannen am Rand der Landstraße, ein Manna vom Himmel. Frühmorgens, nachdem die Bauern ihre Kühe gemolken hatten, brachten sie die vollen Milchkannen an die Straßen, wo sie von LKWs der Molkereien eingesammelt wurden. Für mich war es wie eine Einladung, aber wie sollte ich die Milch trinken? Ich hatte keine Schöpfkelle und die Kannen waren so schwer, dass ich sie nicht heben konnte. Ich war frustriert. Doch dann hatte ich eine Idee: die Haube der Fahrradschelle! Ich schraubte sie ab und schöpfte mit ihr die Milch aus der Kanne. Was für ein Genuss.

Zwei Tage später war ich schon in der Nähe von Osnabrück. Von dort ging es über Bersenbrück zu meinen Tanten nach Quakenbrück. Diese Strecke hatte mir immer besonders gut gefallen, wenn wir mit der Bummelbahn fuhren, nicht nur wegen der schönen Landschaft, sondern weil wir endlich ans Ziel kamen.

Tante Mia hatte ein leichtes Handicap. Das rechte Bein war kürzer als das linke, also war auch das rechte Pedal an ihrem Fahrrad dementsprechend höher. Meine Eltern sagten, dass dies der Grund sei, warum Tante Emma mit ihr zusammenlebte. Die beiden hatten nie geheiratet. Sie waren ein gutes Team. Tante Emma verwaltete den Haushalt und Tante Mia war Näherin. Sie war sehr beliebt und hatte einen großen Kundenkreis, weit hinaus bis ins Umfeld von Quakenbrück, sogar bis zu den großen Bauernhöfen. Wenn ich meine Sommerferien bei den beiden verbrachte, begleitete ich Tante Mia manchmal mit einem alten Fahrrad, wenn sie die genähte Kleidung zurückbrachte. Ich konnte mich noch gut an die großen Butterbrote erinnern, die mir einige ihrer Kunden gegeben hatten, manchmal mit Mettwurst. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Jetzt könnte ich sie gut gebrauchen, die Brote, denn ich hatte ständig Hunger auf meiner Reise.

Es war schon dunkel, als ich abends vor der Haustür meiner Tanten stand. Sie waren erstaunt. Ich wusste nicht, ob sie meine Erklärung, dass ich eine Rundtour machte und sie mal kurz besuchen wolle, glaubten, aber es war mir egal, ich war hungrig und hundemüde und wollte nur noch etwas essen und dann schlafen. Alles andere würde sich ergeben. Morgen früh würde ich mein Abenteuer fortsetzen, auch wenn meine Tanten widersprachen. Bremerhaven war nicht mehr weit.

Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, aber als ich aufwachte, drang Tageslicht durchs Fenster. Der Duft von frischem Kaffee lag in der Luft. Ich schlüpfte schnell in meine Kleidung, konnte aber meine Schuhe nicht finden. Während ich eifrig frühstückte, fragte ich Tante Emma, ob sie meine Schuhe gesehen hätte. Ja, antwortete sie, aber die hätten ein paar Löcher in der Sohle gehabt und deshalb habe sie sie zum Schuster gebracht. Am Abend würden sie repariert sein. Außerdem habe sie mein Fahrrad sicher im Schuppen verstaut und abgeschlossen, damit es keiner stehlen könne. Bis zum Abend könne ich ja in der Wohnung bleiben, wir könnten uns ja mal wieder ausführlich unterhalten. Immerhin seien schon zwei Jahre vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hätten. Ich war enttäuscht und wirkte etwas unbeholfen mit meinem schwachen Protest. Ich bemerkte das Misstrauen meiner Tanten. Sie wollten von meiner Lehrstelle wissen und von unserem Leben in Koblenz. Trotzdem genoss ich den Aufenthalt, denn das Mittag- und Abendessen war gut und reichlich. Es passte in meinen Plan, weil ich viele Kalorien brauchte für die bevorstehende Reise.

Am folgenden Morgen wachte ich früh auf mit frischen Kräften und größter Entschlossenheit. Heute würde es weitergehen mit meinem Abenteuer, ich konnte es kaum abwarten. Noch einmal ein leckeres Frühstück und dann los. Doch schon am Tisch fühlte ich die Anspannung, sie war größer als gestern.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Meine Tanten reagierten wie elektrisiert. Tante Emma sprang auf und öffnete. Ein kalter Schauder lief über meinen Rücken, als ich die Stimme meines Vaters hörte. Mein Plan war zerschmettert, kein Amerika, keine Cowboys. Meine Zukunft war ein dunkles Loch. Jetzt machte das komische Verhalten meiner Tanten Sinn, sie hatten mich ausgetrickst mit ihrer Verzögerungstaktik. Ein Alptraum. Ich wusste, was jetzt kommen würde: ein Donnern, gefolgt von einer Tracht Prügel. Na ja, vor meinen Tanten würde mein Vater mich nicht schlagen. Das käme später.

Die stundenlange Zugfahrt zurück nach Koblenz verlief schweigend. Der Gesichtsausdruck meines Vaters war ernst und seine Augen schauten nachdenklich. Ich wusste nicht, was in ihm vorging, es gab keine Drohungen, keine mahnenden Worte. So kannte ich meinen Vater nicht. Prügel wäre mir lieber gewesen, dann hätten wir wenigstens wieder klare Verhältnisse gehabt.

Als wir in Koblenz-Ehrenbreitstein ankamen, brach mein Vater endlich sein Schweigen und verkündete, dass wir zuerst in die Kapuziner-Kirche gehen würden, ich müsse beichten. Ich war überrascht. Anscheinend war meine Reise eine große Sünde, vielleicht sogar eine Todsünde. Ich hatte etwas Milch gestohlen, hier und da etwas gelogen, aber das war doch nicht schlimm. Hätte ich etwas Unkeusches gemacht, dann hätte ich die Entscheidung meines Vaters verstanden. Das wäre eine schlimme Sünde.

Ich hatte es mit der Religion nie so richtig ernst genommen, obwohl meine Eltern und die Bewohner im Dorf streng katholisch waren. Nur eine Familie war evangelisch, auf die schauten alle herab, als ob sie von einem anderen Planeten käme. Für mich war klar: Wenn es wirklich Gerechtigkeit gäbe, wie man uns in der Kirche und im Religionsunterricht vorpredigte, warum hatte unsere Familie kein eigenes Haus und keinen Garten wie die Einheimischen? Warum hatte der liebe Gott das nicht gerecht verteilt?

Jedenfalls hatte ich mit der Beichte nichts am Hut. Angeblich sollte sie unser „schwarzes“ Herz von Sünden reinigen, damit es schön rot würde. Wenn das stimmte, dann musste mein Herz total schwarz sein, denn bei allen bisherigen Beichten, zu denen ich übrigens gezwungen worden war, hatte ich gelogen. Bereits mein erstes Geständnis im Beichtstuhl war eine Lüge gewesen: „Meine letzte Beichte war vor vier Wochen.“

Mein Vater hatte mir mal gesagt, dass vor Gott Eltern für die Taten ihrer Kinder verantwortlich seien. Deshalb würden Eltern für die Sünden ihrer Kinder mit bestraft. Also dachte ich, es sieht nicht gut aus für meinen Vater, denn für meine Sünden würde das Fegefeuer nicht genügen, es könnte die Hölle werden. Es war eine Bürde, mit der ich meinen Vater nicht belasten wollte. Und wenn das Fegefeuer die Vorstufe zur Hölle war, warum gab es dann keine Vorstufe zum Himmel? Ich fand das unfair.

Jedenfalls ging ich brav in den Beichtstuhl und machte eine Scheinbeichte, um das Gewissen meines Vaters zu erleichtern. Munter schwindelte ich mich durch alles durch. Am Ende bekam ich nur eine leichte Buße, was natürlich nicht vereinbar war mit meiner anscheinend großen Sünde. Mein Vater kniete auf einer der hinteren Bänke und hatte mich im Blick, als ich aus dem Beichtstuhl kam. Mir war klar: Ich musste eine längere Buße machen. Anstatt vier schnell gesprochene Vaterunser zu beten, verbrachte ich eine halbe Stunde auf der Kirchenbank. Genügend Zeit für eine zweistellige Zahl an Vaterunser. Ich hoffte, dass mein Vater nun etwas erleichtert war.

 

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